Archiv der Kategorie 'Rosarot'

Der Spiegel spaltet

Hat je irgendwer Überlegungen zu Konrad Adenauers Hintern angestellt? Wurde je über Willy Brandts Bizeps diskutiert, öffentlich? Nein, warum auch – sie waren schließlich Männer.

Anders bei Frau Merkel. Seitdem die Kanzlerin auf Staatsbesuch in Norwegen war, zeigt sich wieder, dass eine Frau an der Spitze Deutschlands ganz anderer Kritik ausgesetzt ist als ein Mann.

Deutlich wurde dies anhand des umfangreichen medialen Räsonnements über ihr Kleid beziehungsweise ihr weit ausgeschnittenes Dekolleté, das sie in Oslo anlässlich der feierlichen Eröffnung der Oper zur Schau gestellt hat. Frau darf so etwas ja tragen. Aber darf der Bundeskanzler auch? Wie sehr Frau darf der Bundeskanzler überhaupt sein? Schwieriges Thema.

Erneut angefacht wird die Diskussion jetzt durch den Spiegel, implizit: Dirk Kurbjuweit schreibt diese Woche in dem Magazin unter dem Titel „Die Zuckerbäckerin“ über die Zukunft der Kanzlerin. Anlass zum genaueren Hinsehen geben Untertitel und Bild des Artikels: Zu einem etwas zu großen Foto, das die Kanzlerin mit eben jenem schon genannten Ausschnitt zeigt, schreibt Kurbjuweit:

„Angela Merkel hat sich gespalten. Ein Teil von ihr sicher sich mit Wohltaten fürs Volk Wählerstimmen. Der andere Teil lebt schon in der erträumten Zukunft mit der FDP, wenn die Reformerin in ihr ein Comeback erleben soll. Kann dieses Kalkül aufgehen?“.

Der Leser wird nicht Lange brauchen, um die Verbindung der „gespaltenen“ Angela Merkel und dem Foto, auf dem sehr deutlich der Spalt zwischen ihren Brüsten sichtbar ist, herzustellen.

Hat der Spiegel es inzwischen denn so nötig? Weiß er kein anderes Instrument mehr, um Leseraufmerksamkeit zu generieren, als derart zu provozieren?

Ich kann mich gut daran erinnern, dass einst die Bildzeitung die Natürlichkeit der Haarfarbe des Altkanzlers Schröder thematisierte. Auch in der Titanic wurden hin und wieder Überlegungen bezüglich der Haarpracht mancher Politiker angestellt. Doch beide Medien sind aufgrund ihrer spezifischen Ausrichtung und des jeweiligen Publikums auf derartige Themensetzung abonniert.

Vom Spiegel erwarte ich eigentlich mehr, als die Äußerlichkeiten eines Menschen zu instrumentalisieren, um damit Leser zu gewinnen. Ein derart höhnischer Unterton gehört für mich außerdem auch nicht zu den Stilmitteln der seriösen Presse. Es stimmt wohl doch, was man sich gerne in den medial interessierten Kreisen deutscher Unis erzählt: Der Spiegel ist die Bildzeitung der Intellektuellen.