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Was ist schon wirklich? GTA IV – First Impressions

Wow, die schöne neue Welt kündigt sich pompös an: Nachdem ich und mein Postbote diverse Formulare ausgefüllt haben, um zu bestätigen, dass ich nicht nur mindestens 18 Jahre alt bin, sondern dass ich auch wirklich ich bin (da fängt es schon an mit der Realitätskonstruktion), liegt jetzt vor mir neben Grand Theft Auto IV tatsächlich ein Stadtplan und ein Reiseführer.

(Die Hersteller haben schon im Vorfeld versprochen, dass der neueste Teil der Computerspielserie echter als echt wird. Der Spieler ist nicht mehr an eine Storyline gebunden, sondern kann sich frei bewegen und frei entscheiden, was er wann warum auch immer tut)

Also willkommen in „Liberty City“, dem Ort des Geschehens!

Wie real die virtuelle Welt von Grand Theft Auto IV dann tatsächlich ist, wird sich sicherlich in den nächsten Tagen herausstellen. Doch die Zusatzutensilien sind viel versprechend: Die Karte von Liberty City lässt sich schon mal genauso blöd falten, wie ein echter Stadtplan. Sie verweist darüber hinaus auf Sehenswürdigkeiten, Resaturants, Shopping-Möglichkeiten sowie Unterhaltung und Nachtleben. Auch Notfall-Einrichtungen wie Polizei, Krankenhaus und Feuerwehr sind gelistet. Dreht man die Karte um, hat man einen Plan des U-Bahnnetzes vor sich liegen.

(Ich dachte ja, in GTA fährt man tendenziell eher mit dem Auto, aber auch hier belehrt mich die Karte eines besseren: Taxi, UBahn, Chauffeurservice, Auto, Motorrad, Boot und Helikopter! stehen neben meinen eigenen Füßen als Transportmittel zur Verfügung)

Der Reiseführer gibt mir neben Tipps zur Freizeitgestaltung auch „überlebenswichtige Informationen“: „Die Bewohner von Liberty City sind bekannt dafür, dass sie keinen Spaß verstehen. Sie passen sich am besten an, indem Sie schnell gehen und einen zornigen Blick aufsetzen“.

Klingt ja fast wie die echte Welt – Jean Baudrillard wäre sicherlich entzückt!

Ok, dann packe ich jetzt mal mein Handy ein („Mit dem Handy haben Sie Zugriff auf Ihre Kontakte und einige wichtige Einrichtungen in Liberty City. Außerdem können Sie damit wunderbar um vier Uhr morgens sturzbetrunken Ihre/n Ex-Freund/in anrufen“), stelle meinen Kragen hoch, ziehe mir die Mütze tief ins Gesicht und blicke zornig in meine virtuelle Zukunft.

Also auf, nach Liberty City.

Der Freizeit-Planer

Hurra, Evolution! Die private Kommunikation hat einen Schritt nach vorne getan: Unter www.freitimer.net sagt uns nun endlich ein Tool, wie wir unsere Freizeit schnell, einfach und vor allem effektiv organisieren können.

(Natürlich muss man dem Netz mal wieder ein paar persönliche Daten füttern, um Teil dieser einzigartigen Community zu werden, aber wen stört’s?)

Der Freitimer also bietet der Gesellschaft ein sehr öffentliches privates schwarzes Brett, an das Freizeitveranstaltungen gepinnt werden sollen. Der User und alle seine Freunde loggen sich ein und können nun koordinieren, wann es ins Kino geht, wer gegen wen am Samstag Basketball spielt und so fort. Mittels eines ausgeklügelten Email-Sms-Informations-Systems weiß man nun stets, wann etwas los ist und wer mit wem.

Fabian Angerer, einer der Erfinder dieses neuen Web2.0-Gymmicks, erklärte unlängst in einem Interview, wie er auf die Idee zu Freitimer gekommen ist: „Irgendwie sind wir nicht mehr fähig, Zusagen zu machen“. Ach so.

Da stelle man sich doch nur einmal vor, man müsse seine 20 bis 30 engsten Freund per Telefon (!) kontaktieren, um dann verbindliche (!!) Verabredungen zu treffen. Für den Mensch der Postmoderne eine Zumutung.

Wie schön, dass man jetzt zusätzlich zu seinem Terminkalender ein papierloses Freizeitbüro auf dem Schirm hat, das einen an Termine erinnert und beharrlich Zu- und Absagen fordert. Auf dem schwarzen Brett (das natürlich nur für die Menschen aus der eigenen Community sichtbar ist) kann man dann erklären, warum man kommt. Oder auch nicht („Sorry, Hund gestorben“).

So weit, so gut. Ein bisschen Wehmut an die Zeiten guter alter Kommunikationsformen packt einen dann doch. Wie schön war es, als man Menschen bei Einladungen zu seiner Party noch gezielt übergehen konnte. Wenn man aus persönlicher Antipathie oder temporärer Überbeanspruchung einfach mal vergessen hat, den ein oder anderen Freund anzurufen.

Jetzt, im autoritären Freizeitsystem, wird das so schnell nicht mehr passieren. Denn hier sind alle gleich. Also auf, Usergenossen, in die Zukunft – wo Privates nicht mehr privat ist und uns die individuelle Entscheidung darüber abgenommen wird, mit wem wir unsere Freizeit verbringen möchten und mit wem nicht.